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Sexismus im Gastgewerbe – Eine Branche im Wandel?


Ein Thema, das aktuell allgegenwärtig ist und polarisiert: Sexismus und sexuelle Belästigung im Arbeitskontext. Die Schlagworte #metoo und #rollingpenis haben in den sozialen Medien kürzlich eine Welle von Reaktionen und hitzig geführte Diskussionen entfacht.

In diesem Zusammenhang ist die Debatte um die Gleichberechtigung und –behandlung von Frauen und Männern (medial) präsenter denn je. Wir wollen wissen, wie es wirklich um Sexismus in der Gastronomie und Hotellerie steht und was insbesondere Frauen im Gastgewerbe darüber denken. Dabei kann dieser Beitrag natürlich keine endgültigen Antworten auf die hier angestoßenen Fragen liefern, aber wir erhoffen uns einen offenen und ehrlichen Austausch darüber, was in der sich wandelnden Branche immer noch mächtig schiefläuft, was vielleicht zu Unrecht verteufelt wird und welche Entwicklungen sich abzeichnen.

Was genau ist Sexismus eigentlich?

 Um über diese brisanten Fragen zu sprechen, brauchen wir ein paar Basics, denn was für die einen Basiswissen ist, kann für andere völliges Neuland sein. Viele haben sich noch nie über Sexismus Gedanken gemacht oder sind gewissenmaßen „betriebsblind“. Um alle auf den gleichen Stand zu bringen: Sexismus hat sehr viele Facetten, passiert mitunter unbewusst und kommt manchmal ganz unscheinbar daher. Damit wir alle – Frauen ebenso wie Männer – nicht in die Sexismus-Falle tappen, sollte man sich eine einfache Definition merken: Sexismus steht für „Geschlechtervorurteile“ aller Art, also Stereotype und Verhaltensweisen, die wir oft mit der Zugehörigkeit zu einem Geschlecht verbinden. Einfach gesprochen: Nein, nicht alle Männer können ohne jegliches Vorwissen Motoren reparieren oder sind von Geburt an stets rational und ausdauernd. Und ebenso lässt sich wohl kaum sagen, dass Frauen im Allgemeinen zart besaitet sind und sich am liebsten um ihren Nachwuchs kümmern. Diese Art von Schubladendenken führt dazu, dass Männer und Frauen weltweit einen ungleichen sozialen Status haben. Frauen sind in Positionen unterrepräsentiert, die mit Macht und Status zusammenhängen. Gleichzeitig kann es für Männer schwer sein, in Berufen Fuß zu fassen, die von der Gesellschaft als klassisch weiblich abgestempelt werden, so etwa in Pflegeberufen, als Erzieher oder in der Flugbegleitung, um nur einige zu nennen. Sexuelle Übergriffe haben damit zunächst einmal nichts zu tun, können aber ein Symptom von Macht-Asymmetrien, mangelnder Gleichstellung oder gar Misogynie (Frauenfeidlichkeit) sein.

Wie sieht Sexismus im Gastgewerbe aus?

 Sexismus äußert sich in der Gastronomie auf verschiedenen Ebenen und auch Männer sind betroffen. In diesem Zusammenhang wird über eine unfaire Verteilung von Arbeit geklagt, da sich bspw. männliche Kellner im Vergleich zu ihren weiblichen Kolleginnen mehr anstrengenden Aufgaben ausgesetzt sehen und darin eine Bevorteilung von Frauen erkennen. Frauen kommen dennoch häufiger mit sexistischem Verhalten in Berührung; sie werden z.T. notorisch unterschätzt, erhalten trotz gleicher Aufgaben ein geringeres Gehalt als ihre männlichen Kollegen (gender pay gap – Frauen verdienen in Deutschland laut Statistischem Bundesamt im Schnitt 21 Prozent weniger als Männer) und klagen über sexistische Sprüche von Kolleg*innen ebenso wie von Gästen, wobei letztere wohl das größere Problem darstellen. In der Küche müssen sich Köchinnen weiterhin etwas mehr behaupten und werden weniger in ihrer Rolle als Profi wahrgenommen, sondern mitunter als Sexobjekte, wie unter anderem dieser Bericht deutlich macht. Viele in der Gastronomie sind mit diesen Geschlechterstereotypen aufgewachsen und glauben daran, dass Frauen der anstrengenden Küchenarbeit nicht gewachsen sind, im Beruf ihrer Mutterrolle nicht gerecht werden oder ihnen schlichtweg das Genie fehlt, um es an die Spitze der Starköche zu schaffen. Diese Vorurteile verhindern, dass Frauen in bestimmte Bereiche aufsteigen und dort ihre Sichtbarkeit steigern können. Das zeigt auch das wohl aktuellste und medial brisanteste Beispiel aus der Gastronomie: die Kontroverse um den Rolling Pin.

Ein konkretes Beispiel von Gastro-Sexismus: Rolling Pin

Das Gastro-Magazin „Rolling Pin“ ist eine echte Branchengröße. Was darin zur Sprache kommt, hat ganz klar Auswirkungen auf die Gastronomie. Kürzlich hat das Magazin eine Liste der 50 besten Köche Deutschlands veröffentlicht, die (folgt man den Aussagen des Magazins) demokratisch gewählt wurden und unter denen 48 Männer sowie nur zwei Frauen vertreten sind. Die Tatsache, dass die meisten dieser Köche also männlich und weiß sind, verleitete Sophia Giesecke von Refinery29 dazu, das Ganze als „Weißwurstparade deluxe“ zu beschreiben. Als sich Facebook-User auf der Unternehmensseite über diesen Missstand beschwerten, wurden kritische Kommentare gelöscht, was wiederum eine Welle der Entrüstung zur Folge hatte. Nicht nur in Gastro-Kreisen wurde #rollingpenis kritisiert, auch feministische Medien wie EditionF, aber auch der Stern setzten sich damit auseinander. Mary Scherpe, Gründerin von „Stil in Berlin“, einem der wichtigsten Food-, und Restaurant-Blogs Deutschlands, fasst zusammen: „Rolling Pin ist die Spitze eines frauenfeindlichen Eisberges in der Food Szene. […] Dieses Medium spiegelt einen traurigen Status Quo wider und arbeitet hart daran, genau diesen zu erhalten.“ (Quelle: facebook) Dabei könnte das Magazin doch zu einem Umdenken in der Branche beitragen, etwa durch weibliche Redner*innen auf Symposien und Events; aber auch da sind Frauen, die zu Wort kommen, leider Fehlanzeige. Ob unbedacht oder beabsichtigt, statt den Ist-Zustand unhinterfragt zu reproduzieren, wäre es an der Zeit da frischen Wind reinzubringen, oder? Vor allem vor dem Hintergrund eines immensen Fachkräftemangels muss das Gastgewerbe attraktiver werden, für Frauen ebenso wie für Männer! Auf den Shitstorm folgte jetzt zunächst ein Rolling Pin Cover, auf dem zum zweiten Mal in der Geschichte des Magazins eine Frau zu sehen ist: Die Köchin Ana Ros blickt vor einem Mädchen-rosa Hintergrund fast etwas kritisch drein, ganz als wolle sie sagen „Na, auch endlich auf den Trichter gekommen?!“ 

Juristische Folgen von Sexismus am Arbeitsplatz

Wie gravierend die Folgen dieser verfestigten Geschlechterbilder sein können, zeigen Erfahrungen einzelner. Trotz einiger Berichte von sexistischem Verhalten sowie sexuellen Übergriffen in Gastronomie und Hotellerie kommt es in den seltensten Fällen zu einer Anzeige oder gar einem Rechtsstreit. Umso mehr Beachtung finden daher die Ausnahmen, darunter ein Fall aus Zürich: Im Januar 2016 hat das Obergericht Zürich einen Küchenchef in allen Punkten (Vorwurf der sexuellen Belästigung, der Tätlichkeit und der Drohung) schuldig gesprochen, nachdem dieser seine Kolleg*innen über längere Zeit drangsaliert hatte. Eine Praktikantin hatte geklagt, als die Zustände für sie unerträglich geworden waren. Einmal packte der besagte Koch sie am Kittel und schleifte sie durch die Küche, wobei die Knöpfe ihrer Bluse aufsprangen. Scham und das Gefühl, ausgeliefert zu sein, führten bei der jungen Frau nach eigenen Angaben zu Panikattacken und Angstzuständen. Nach einer Reihe weiterer demütigender Vorfälle – etwa dem Vorschlag, sich vor?aller Augen den Intimbereich zu rasieren, einer Vergewaltigungs-Androhung und einem derart festen Schlag auf den Hintern, dass sie beinahe vornüber fiel – entschied sich die Praktikantin zu kündigen und juristisch gegen den Mann vorzugehen.

Auf diese mutige Entscheidung folgte jedoch erst ein herber Rückschlag, als die Einzelrichterin, die in erster Instanz über den beschriebenen Fall urteilte, den Küchenchef in allen Punkten freisprach. Ihre Begründung: Ob diese Tatbestände im strafrechtlichen Sinne relevant seien, ergebe sich im Kontext, in dem sie stattfänden. Mit anderen Worten: Wenn sowas im Kontext einer Küche passiert, wo ein rauer Ton herrscht und sexistische Umgangsformen offenbar an der Tagesordnung sind, sei damit fast zu rechnen und man sei mehr oder weniger selbst schuld. Diese erste Einschätzung der Richterin zeigt deutlich: In gewissen Sphären werden Sexismus und sexuelle Belästigung immer noch als Bagatelle angesehen.

Gleichzeitig ist ganz klar: Solche Szenen sind ganz sicher kein Normalzustand in der Gastronomie! Dennoch gibt es leider schwarze Schafe, die nicht nur bei ihren weiblichen, sondern auch bei männlichen Kollegen Angst und Schrecken verbreiten. Dabei zeigt eine derbe, sexuell konnotierte Sprache umso deutlicher, dass Machtstrukturen in Küchen sehr präsent sind und sich der Umgangston hier einfach ändern muss.

„Female Shift“ im Gastgewerbe

Magazine und Gastro-Blogs berichten immer öfter vom „Female Shift“, also einer wahrnehmbaren Veränderung in der Branche: Die gläserne, oft für Frauen undurchdringbare Decke hat schon den ein oder anderen Riss und Frauen wagen sich in Sphären vor, in denen in der Vergangenheit mehrheitlich Männer zuhause waren. So hat bspw. auch Maria Rehermann kürzlich das Sommelière-Netzwerk „femwine“ gegründet, denn obwohl weibliche Sommeliers keine Seltenheit mehr sind, ist der Wandel immer noch nicht so richtig beim Gast angekommen. Jan-Peter Wulf, Hauptredakteur des Nomyblogs, sieht darin einen längst überfälligen Branchentrend. Er stellt fest, dass in der Hoga-Branche immer mehr Netzwerke entstehen und weibliche Food-Gründer*innen (sowohl im Bereich Hersteller als auch im Bereich Gastronomie) an den Start gehen, die ihr eigenes Business aufziehen und eine Menge in Gang setzen. Zwei dieser Gründerinnen sind Ekatarina Bozoukova und Nina Rümmele, die mit ihrem Healthy-Food-Konzept „What the Food“ auch zu unserem Kundenkreis zählen. Nina Rümmele berichtete uns vor Kurzem von ihren Erfahrungen:

Die Gastronomiebranche ist, wie unsere ehemaligen Arbeitsbranchen, sehr Männer-dominiert. Das kann positiv und negativ sein. Zum einen muss man etwas härter kämpfen, um ernst genommen zu werden bzw. sich ‚männlich‘ verhalten, was mich oft nervt. Zum anderen kommt man mit den vermeintlich femininen Charakterstärken wie Empathie und Integration oft sehr weit. Wir sind faire Chefinnen und lassen uns von keinem Ego leiten. Zum Thema gender discrimination: Uns hat ein Mann aus der Branche mal empfohlen einen tieferen Ausschnitt anzuziehen, um zu bekommen, was wir wollen. Ich bin froh, dass ich gestanden genug bin, um in solchen Situationen ganz klar zu sehen, dass dies nicht der Weg ist, wie ich mein Ziel erreichen möchte. Wir müssen eine neue Norm schaffen! Wenn sich mehr Frauen trauen zu gründen oder in hohe Positionen aufzusteigen (ob man scheitert oder nicht ist dabei total egal), dann erledigt sich das mit der ‚Männer-dominierten‘ Welt irgendwann von selbst. Das wird lange dauern, aber ich bin der Meinung, dass wir auf einem guten Weg sind. Viele Frauen geben im Rahmen von #metoo Schreckliches preis und teilen ihre Erfahrungen. Das ist so unfassbar mutig und wird allen jungen Mädels da draußen helfen, mit dem Erlebten umzugehen und das Thema Sexismus offensiv anzugehen.

Es tut sich also eine Menge und wir erleben das Gastgewerbe als eine dynamische Branche, in der Frauen und Männer Erfolgsgeschichten schreiben. Nur sollten dann eben auch all diese Erfolgsgeschichten erzählt werden, wie zuletzt bspw. hier in der Frankfurter Allgemeinen, als unter „Unsere (Gastro-)Lieblinge des Jahres 2016“ eine Vielzahl von Gastro-Frauen vorgestellt wurden.

Dialog suchen, um was zu ändern

 Wir sind überzeugt, dass Sexismus sowohl Männer als auch Frauen in ihrer Freiheit einschränkt und direkt und offen angegangen werden muss. Vorgesetzte sollten ihr eigenes Verhalten immer wieder kritisch hinterfragen. Dazu zählt, dass man sich seine eigenen Geschlechterstereotypen bewusstmacht und sie über Bord wirft. Unsere Tipps: Man sollte im Team darüber sprechen, was Sexismus ist. Jede/r hat da eine andere Sichtweise und es ist gut sich darüber auszutauschen, denn nur so versteht Kollege X vielleicht, warum Kollegin Y sein Verhalten als sexistisch bewertet. Auch sollte man sich bewusst sein, dass es eine Grenze gibt: Nicht alles ist auf Geschlechtervorurteile zurückzuführen; manchmal interpretieren wir Dinge falsch und es hilft definitiv, darüber zu sprechen. So kann man Konflikten vorbeugen und alle für das Thema sensibilisieren. Außerdem sollte im Team auch klar sein, dass der/die Kunde/-in zwar König*in ist, aber man sich sicher nicht alles bieten lassen muss. Wir kennen genug Beispiele, in denen Vorgesetze für ihr Personal einstanden und Gäste baten, das Lokal zu verlassen. Und sollte es wirklich zu Übergriffen kommen, gilt ganz klar: Keine Toleranz gegenüber Fehlverhalten und der Missachtung von individuellen Grenzen.

Das Gastgewerbe liegt uns allen am Herzen; deswegen sollten wir die Bedingungen dafür schaffen, dass es weiter prosperiert und Eltern ihren Kindern guten Gewissens dazu raten, eine Karriere in der Gastronomie oder Hotellerie einzuschlagen. Gleichzeitig würden uns eure Erlebnisse in dem Zusammenhang interessieren! Wie schätzt ihr die Branche ein: Ist sie auf einem guten Weg? Haben wir wirklich erst an der Spitze des Eisbergs gekratzt? Und wie könnte man die Entwicklung unterstützen oder beschleunigen?

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Valerija Schwarz

Kommunikation & Marketing, gastromatic

Valerija heuerte schon 2015 bei der gastromatic-Crew an und ist heute für Kommunikation, Branding und Content verantwortlich. Ihre vielseitigen Erfahrungen aus dem Bereich Kommunikation - beim Goethe Institut in New York, bei der Branding-Agentur Endmark oder bei ihrem Promotionsprojekt gesammelt - setzt sie jetzt wortgewandt für Beiträge rund um Gastro-Themen am Puls der Zeit ein, wobei ihr Marketing-Wissen, Nachhaltigkeit, Portraits und (trendige bis brisante) Gastrostories besonders am Herzen liegen.

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