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Interview mit Gründerinnen Nina und Kati: „Unser Scheitern ist eure Chance!“


Wenn (Gastro-)Gründungen scheitern, ist das oft ein Tabu-Thema. Vor einiger Zeit haben wir dazu ein spannendes Interview mit Nina Rümmele, einer der Gründerinnen von What the Food!, geführt. Unsere ehemalige Kundin erzählte uns offen von ihrer Insolvenz, ihren Erfahrungen und Lernprozessen. Auch die Rückmeldungen zu diesem Blogbeitrag zeigten: Das Thema polarisiert… Während die einen begeistert waren von so viel Mut und Offenheit, gab es andere, die sich ganz klar in eine Richtung positionierten: „Wer Gastro machen will, sollte vom Fach sein und darf sich dann nicht über eine Insolvenz wundern.“ Das sehen Nina und ihre Partnerin Ekaterina Bozoukova natürlich trotz ihres „Scheiterns“ anders.

Daher teilen Nina und Ekaterina in diesem Interview unter dem Motto „We fucked up, so you don’t have to“ einige Tipps zum Thema Gründung sowie Do’s and Don’ts.

 

Liebe Nina & Ekaterina, wir haben vor ein paar Monaten schon mal ein Interview geführt. Erstmal ganz allgemein: Was hat sich seitdem getan?

Nina: Sehr viel! Gefühlt passiert momentan jede Woche etwas Neues. Es ist eine super spannende Zeit. Zum Glück ist das Feedback, dass uns direkt erreicht, durchweg positiv. Die meisten kennen uns oder hatten schon mal etwas mit uns geschäftlich oder privat zu tun. Diese Menschen wissen uns und unsere Taten richtig einzuschätzen. Aber natürlich gibt es da draußen auch Leute, die sich vorschnell ein Bild machen – das ist immer so und vor allem führen einem die „Hater“ noch deutlicher vor Augen, wie glücklich man sich mit den Befürwortern schätzen kann. Wir sind beide fleißig dabei neue Projekte zu starten und arbeiten nebenbei selbstständig, dieses Mal aber in Bereichen, die wir von früher kennen bzw. studiert haben. Es läuft sehr gut und wir können viel aus der Zeit von What the Food! mitnehmen.

Zum Thema Scheitern sind wir immer noch aktiv unterwegs und schreiben uns weiterhin auf die Fahne das Thema in Deutschland maßgeblich voranzubringen. Nach unserem Vortrag bei der FuckUp Night in Frankfurt hatten wir sehr viel positives Feedback und sogar Folgeanfragen für Vorträge bei Unternehmen. Man wird da also noch einiges von uns zu hören bekommen.

 

Wir freuen uns sehr, dass ihr Lust habt, auf unserem Blog euer Wissen mit anderen zu teilen. Wovon dürft ihr ganz allgemein berichten und was geht rechtlich nicht?

Kati: Ganz allgemein haben wir einiges gelernt und zu erzählen. Natürlich viel zum Thema Gründung. Allerdings haben wir auch festgestellt, dass wir ein großes Wissen zum Thema Insolvenz und Liquidation mitbringen. Wenn man das Ganze einmal selber durchmacht, sollte man mit offenen Augen durch den Prozess gehen – vielleicht hilft das irgendwann auch anderen. Rechtlich dürfen wir über unser Insolvenzverfahren nur bedingt sprechen. Das Verfahren ist noch nicht durch und einige Dinge noch offen, davon dürfen wir im Detail nicht viel teilen. Und dann gibt es noch Dinge, die wir aus moralischen Gründen nicht tun: Wir nennen keine Namen. Auch wenn wir andere gerne warnen würden, da muss jeder seine eigenen Erfahrungen machen.

 

Was hat euch – trotz aller Vorbereitung auf die Gründung – am meisten verblüfft oder gewundert?

Nina: Wie viel doch vom Timing und Glück abhängt. Man kann sich noch so gut vorbereiten, teilweise entscheidet ein Quäntchen Glück oder verlorenes „Momentum“ über Erfolg oder Misserfolg. Wir waren in allem sehr analytisch und haben uns immer gut auf Entscheidungen vorbereitet; am Ende haben wir uns dann doch zur sehr auf Analytik und zu wenig auf unser Bauchgefühl verlassen und sind insbesondere deswegen gescheitert.

 

Was würdet ihr angehenden Gründer/innen ganz allgemein raten?

Nina: Es ist sehr wichtig, dass man sich und sein Geschäftsmodell ständig hinterfragt. Die richtige Mischung aus „go-for-it“ und Reflexion ist entscheidend. So vermeidet man auf der einen Seite zu langsam zu sein und auf der anderen Seite sich zu verrennen. Es ist schwer das selbst zu tun und den Abstand zu gewinnen; daher würden wir empfehlen, einen Workshop mit einer Bekannten, geschätzten Mitarbeiterin oder dem Partner zu machen.

Und jetzt noch ein Klassiker: Man sollte sich auf niemanden so sehr verlassen wie auf das eigene Bauchgefühl. Als Gasto-Neulinge haben wir uns teilweise zu sehr auf externe Berater verlassen und dabei nicht genug auf unser Bauchgefühl gehört. Das ist der beste Experte; klingt wie Bullshit, ist aber wirklich war.

Scheitern Gründung Gastronomie

Welche Fallstricke können in puncto Finanzierung auf einen zukommen?

Kati: Sehr wichtig ist eine pessimistische Budgetplanung. Man tendiert oft dazu sehr großzügig zu planen und den „worst case“ nicht durchzurechnen. Wichtig ist, dass alle Annahmen, die in dem Business Plan gerechnet werden, so genau wie möglich überprüft werden. Im nächsten Schritt kann es dann nicht schaden einmal den absolut schlimmsten Fall anzunehmen und zu rechnen, wie lange die Liquidität reichen würde, würde dieser Fall eintreffen. Wir haben als worst case folgendes gerechnet: Was passiert, wenn der erwartete Umsatz für die nächsten sechs Monate bei 20%, 40% und 50% liegt? Ab wann würde unsere operative Finanzierung, also das, was noch auf dem Konto als Puffer liegt, sobald der Laden eröffnet ist, nicht mehr ausreichen? So ist man auf den schlimmsten Fall vorbereitet. Teilweise können nämlich die absurdesten Sachen passieren, an die man nicht denkt. Baustelle direkt vor der Fläche (siehe Europaviertel in Frankfurt am Main), Deutschland fliegt in der Vorrunde der WM raus (jep, schmerzhaft), ein regnerischer Sommer und man betreibt eine Gastronomie mit großem Außenbereich… Dinge, auf die man keinen Einfluss hat, können passieren und im besten Fall ist man (vor allem finanziell) gut darauf vorbereitet. Eine Finanzierung zu suchen, wenn man ins Schleudern kommt, ist nämlich sehr schwierig und teilweise mit einem hohen Preis verbunden. Besser, man bereitet sich vorher auf mögliche Szenarien vor. Das klingt auch ganz logisch, allerdings trickst uns da manchmal die Psyche aus. Wir wollen unsere Energie natürlich nicht auf den schlimmsten anzunehmenden Fall verschwenden, sondern mit positiven Szenarien arbeiten.

 

Was möchtet ihr speziell Gastro-Gründer/innen ans Herz legen?

Nina: Wir würden empfehlen die branchentypischen Zahlen im Voraus durch Expertengespräch zu erfragen. In der Gastronomie und aus unserer Erfahrung ist eine der wichtigsten Größen z.B. der Wareneinsatz. Wir haben diesen am Anfang zu hoch angesetzt und dabei Bruch bzw. Schwund außer Acht gelassen. Wenn man mit einer reinen Einkaufsmarge von z.B. 25% netto rechnet (also Einkaufspreis netto / Verkaufspreis netto), sollte man immer ca. 1 – 2 % zusätzlich einpreisen. Teilweise laufen Produkte ab oder ein Koch lässt etwas fallen, das kann auf lange Sicht gesehen auf ein Defizit hinauslaufen.

Ein Punkt, aus dem wir auch etwas gelernt haben, sind die Öffnungszeiten. Wir waren mittags zwischen 11:45 Uhr und 13:30 Uhr immer komplett voll und haben in der Zeit ca. 70% unseres Umsatzes gemacht. Daher waren viele überrascht, dass wir schließen mussten. Nach außen sah es aus, als wären wir sehr profitabel. Nachmittags zwischen 14 Uhr und 17 Uhr war dagegen fast nichts los und auch der Vormittag lief nicht profitabel. Im Nachhinein hätten wir zu den unprofitablen Zeiten einfach den Laden schließen und in Teildienst gehen sollen. Einer der größten Kostenträger ist nämlich das Personal und nicht die Miete, weshalb man den Personaleinsatz durchdacht und der tatsächlichen Gästefluktuation entsprechend planen sollte. Daher lohnt es sich teilweise weniger Öffnungszeiten anzubieten, um an den Personalkosten zu sparen bzw. in den geöffneten Stunden profitabler zu sein.

 

Ihr wart vor Kurzem, wie eben schon erwähnt, auch Speakerinnen bei den Frankfurter FuckUp Nights. Wie waren eure Erfahrungen damit?

Nina: Das war genial! Wir haben noch nie vor über 1000 Personen gesprochen. Das ist eine ganz neue Erfahrung und die war einfach nur super! Das Publikum bei der FuckUp Night ist sehr dankbar und wir haben für ein paar Lacher gesorgt. Es macht Spaß vor einem für das Thema offenen Publikum zu sprechen, die Energie war der Wahnsinn. Der Grund, weswegen man dort spricht, ist zwar bescheiden – aber wir würden es jedem empfehlen, der etwas zu seinem unternehmerischen Scheitern zu erzählen hat, denn andere profitieren immens davon. Insolvenz ist immer eine Tragödie und schlimm für alle Beteiligten, aber es hilft niemandem, einen gescheiterten Versuch totzuschweigen; besser ist es doch von seinen Fehlern zu berichten, damit andere sie vielleicht nicht mehr machen. Insofern ist es schön, dass sich solche Formate etablieren und wir aus unserem Scheitern noch einen Mehrwert schöpfen können.

 

Wir finden es toll, dass das Thema Scheitern so langsam aus seiner Tabu-Ecke rauskommt und auch die Potenziale gesehen werden, die ein Austausch über Insolvenz etc. mit sich bringt. Vielen Dank nochmal für eure Offenheit und die Insights. Wir wünschen euch auf eurem weiteren Weg ganz viel Erfolg!

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Valerija Schwarz

Kommunikation & Marketing, gastromatic

Valerija heuerte schon 2015 bei der gastromatic-Crew an und ist heute für Kommunikation, Branding und Content verantwortlich. Ihre vielseitigen Erfahrungen aus dem Bereich Kommunikation - beim Goethe Institut in New York, bei der Branding-Agentur Endmark oder bei ihrem Promotionsprojekt gesammelt - setzt sie jetzt wortgewandt für Beiträge rund um Gastro-Themen am Puls der Zeit ein, wobei ihr Marketing-Wissen, Nachhaltigkeit, Portraits und (trendige bis brisante) Gastrostories besonders am Herzen liegen.

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