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Virtuelle Gastronomie in Deutschland: Interview zum Ghost-Kitchen-Konzept “cookahoop”


Man könnte Viola Ulbricht und Tommy Sundara als Gastro-Pioniere bezeichnen, denn die beiden leiten mit cookahoop eines der ersten Ghost Restaurants / Kitchen Unternehmen in Deutschland. Ihr fragt euch jetzt: „Ghost-what?!“ In einem unserer letzten Blogbeiträge haben wir euch schon einiges über das Trendthema verraten: Ghost Kitchen – das steht für Restaurant ohne Gastraum. Inspiriert vom boomenden Delivery-Geschäft schießen derzeit weltweit vergleichbare Konzepte aus dem Boden. Man spricht auch von unsichtbaren Küchen, virtuellen Restaurants und delivery-only-Restaurants, denn die Gastronomie-Brands sind nur online auf Bestellportalen sichtbar und können nicht vom Gast besucht werden (was dieser oftmals nicht weiß). Sie sind ausschließlich auf das Beliefern des Kunden ausgerichtet. In einer anderen Variante kann der Kunde sein Essen online – also via App oder Website – bestellen und bezahlen und dann entlang seines Weges, meist an zentralen Knotenpunkten, abholen. Wir haben Viola und Tommy getroffen und zu dem neuen Trend und den Entwicklungen befragt, die für die Gastronomie in Sachen Digitalisierung und Logistik damit einhergehen.

Hallo ihr zwei! Wir freuen uns total, dass ihr euch Zeit genommen habt für unsere Fragen. Vielleicht könnt ihr uns erstmal erzählen, wie es zu der Gründung von cookahoop kam?

Viola: Klar, sehr gerne. Die Herausforderung daran war ein großer Reiz für uns! Es kam die Frage auf: Ist es möglich, Essen in Restaurantqualität an einen beliebigen Ort zu liefern? Wir wurden neugierig und fragten uns: Welche Lösungen gibt es bisher? Was geschieht in anderen Ländern? Besonders die Ghost Restaurants in den USA sowie das Wachstum der Lieferplattformen in Deutschland haben unsere Gedanken angekurbelt. Denn dieses Business geht ganz klar mit der Frage einher, wie sich der Alltag und die Lebensweise von Menschen verändern. Wir arbeiten immer mehr und länger, haben gefühlt weniger Zeit für Freunde, Familie und Hobbys. Wenn man mal zuhause ist, möchte man die Zeit in den eigenen vier Wänden genießen und verlässt ungern nochmal das Haus, hat aber gleichzeitig keine Lust seine „quality time“ auf Einkaufen und Kochen zu verschwenden. Dennoch wollen die meisten Menschen nichts Gewöhnliches essen; die Ansprüche sind gestiegen. Schließlich ist Essen auch eine Form von Belohnung. Besser soll es sein, schneller da, am liebsten sofort. Wir haben uns der Aufgabe verschrieben, diesen Qualitätsansprüchen so nahe wie möglich zu kommen.

 

Und was treibt euch persönlich an?

Viola: Uns beide verbindet eine Leidenschaft für Foodtrends, leckeres Essen und
Kochen, aber wir hatten auch beide beruflich einen Bezug zur Digitalwelt, E-Commerce etc. Tommy war vorher bei einem Abo-Commerce Startup im Food Bereich, hatte aber auch schon leitende Positionen in der Gastronomie, unter anderem bei einem Foodtruck-Konzept. Ich war mehrere Jahre in Startups tätig und bin quasi in der Digitalwelt zuhause. Während Tommy also eher in der Gastronomie beheimatet ist, liegt mein Schwerpunkt bei der Frage, wie man den Kunden – auch abseits des Essens – glücklich macht und die Usability bzw. User-Experience stetig verbessern kann. Diese Verbindung aus Gastro und Digital ist super interessant, für cookahoop macht es eben die Mischung.

“Besonders die Ghost Restaurants in den USA sowie das Wachstum der Lieferplattformen in Deutschland haben unsere Gedanken angekurbelt.”

Sagt mal, der Name ist ja schon etwas speziell. Wie kam der zustande? Für unsere Gründer-Leser*innen ist das Thema Naming auch immer interessant.

Mit der Namensfindung haben wir uns – wie so viele Gründer – nicht leicht getan. Es sollte hervorstechen, Neugier wecken und natürlich auch etwas von unserer Vision und Mission transportieren. Dabei sind wir eher zufällig auf den recht unbekannten englischen Begriff „cock-a-hoop“ gestoßen, der übersetzt so viel wie „außer sich vor Freude“ bedeutet. Das fanden wir eine perfekte Beschreibung dessen, was wir bei unseren Kunden erreichen wollen. Etwas abgewandelt und auf unsere Tätigkeit angepasst wurde daraus dann eben cookahoop.

 

Was hat euch an diesem neuen, gastronomischen Format gereizt?

Tommy: Wir finden die Mischung aus Online- und Offline-Business sowie das Skalierungspotenzial des Geschäftsmodells sehr spannend. Außerdem ist momentan eine extrem aufregende Zeit für Konzepte entlang der Last-Mile-Logistik. Wir verstehen uns hier auch als eine Art Food Lab, denn wir können sehr schnell neue Konzepte, Food Trends und Rezepturen am Markt testen. Nebenbei machen wir noch unsere Leidenschaft zum Beruf, was will man mehr?

 

Was genau ist unter Last-Mile-Logistik zu verstehen?

Tommy: Die Last-Mile-Logistik beschreibt in der Transportlogistik das letzte Wegstück, das eine Ware auf dem Weg zum Kunden zurücklegt – sprich die letzte Meile der Transportabwicklung. Typische Anbieter, die Last-Mile-Transporte bedienen sind bspw. Brief- und Paketdienstleister, der Versandhandel und Essenslieferdienste wie z.B. der klassische Pizzaservice.

 

Wer sind eure Zielgruppen und wie werden sie auf euch aufmerksam? 

Tommy: Mit cookahoop vereinen wir künftig mehrere Marken. Je nach Brand und Tageszeit können wir somit verschiedene Zielgruppen bedienen. The Bowlery versorgt die Stuttgarter Clean-Eating-Fans mit Buddha Bowls und fokussiert sich somit auf eine Zielgruppe, deren gemeinsamer Nenner ein neues Gesundheitsbewusstsein ist. Ein weiterer Restaurant-Brand – der Name dafür wird gerade noch entwickelt – entspricht einer eklektischen Marke zum Testen neuer Konzepte. Alles dreht sich um die Frage: was kommt gut an? Wir greifen neue Foodtrends auf und bekommen ein gutes Gefühl für: what’s hot – what’s not?! Mit diesem Wissen können wir anschließend neue Kundensegmente erschließen und diese mit neuen Brands zielgerichtet bearbeiten.

Unsere Kommunikations- und Vertriebskanäle sind die gängigen Lieferplattformen, unsere Website, aber natürlich auch Social Media Plattformen, wie Instagram und Facebook. In unserer näheren Umgebung machen wir anhand von Printmedien auf uns aufmerksam. Zukünftig möchten wir auch Messenger-Dienste wie Whatsapp nutzen, um noch engere Kundenbeziehungen zu ermöglichen.

 

Ghost Kitchen bedeutet hundertprozentiger Digital-Fokus, überall ist von Digitalisierung die Rede. Sieht so die Zukunft des Gastgewerbes aus? Wo hat die Gastronomie aus eurer Sicht Nachholbedarf?

Viola: Das ist eine schwierige Frage. Wir müssen wohl mit „Jein“ antworten. Zwar gilt es auch für das Gastgewerbe in Zukunft die Vorteile neuer digitaler Technologien auszunutzen und daraus Wettbewerbsvorteile zu generieren. Interne Verwaltungsprozesse können bspw. heute anhand von Software-as-a-service-Lösungen einfacher gemanagt werden, dazu zählt ja auch gastromatic. Anderseits kommt es im Gastgewerbe unter anderem auch auf das Raum-Erlebnis, den Service, die Gastfreundschaft etc. an. Diesem Erlebnis ohne persönliche Kontakte bzw. physische Kontaktpunkte nahezukommen, ist eine Herausforderung für Konzepte wie unseres.

Nachholbedarf hat das Gastgewerbe aber definitiv in Sachen Standardisierung von Schnittstellen zwischen Unternehmen innerhalb der Gastronomiebranche. So auch beispielsweise bei den Fragen: Wie können Gastronomen das Produktsortiment ihrer unterschiedlichen Lieferanten übergreifend in ihre Warenwirtschaft integrieren? Wie können Lagerbestände unter Berücksichtigung von Absatz und Beschaffung, insb. Bestellmengen und Lieferzeiten, einfacher koordiniert werden, sodass weniger Lebensmittel weggeworfen werden müssen? Das Restaurant, wie wir es kennen, wird natürlich nicht verschwinden, auch wenn das Konsumverhalten des Gastes sich wandelt. Doch die klassischen Restaurants werden künftig sicherlich weiter umdenken müssen, um den ändernden Wünschen ihrer Gäste gerecht zu werden.

 

Logistik ist sicher ein riesen Thema für euch. Welche Entwicklungen zeichnen sich in Sachen Logistik für die Gastronomie ab?

Viola: Wir verzeichnen eine starke Entwicklung der Logistikbranche im Bereich der Last Mile. Aus Sicht der Gastronomie könnte man fragen, ob mit schnelleren Lieferzyklen eine höhere Produktqualität einhergeht? Das Thema Kühl- bzw. Warmhaltetechnik spielt hier natürlich eine zentrale Rolle. Allgemein könnte man überlegen: Wie können Liefer- und Logistikprozesse effizient(er) gemanagt werden? Sollte man vielleicht über eine Entwicklung der Kommunikationskanäle zwischen Kooperationspartnern nachdenken? Auch gemeinsame standardisierte Schnittstellen wären wichtig, zum einen zur Überwachung von Warenherkunft, aber eben auch zur Standardisierung und Integration von Warenwirtschaftssystemen zwischen Logistikern und Gastronomiebetrieben. Wie können manuelle Prozesse digitalisiert bzw. mithilfe der heutigen Technologie effizienter gestaltet werden?

Und dann die ganz große Frage: Wo geht künftig die Reise hin? Neue Liefersysteme (Drohnen, Roboter, autonome Fahrzeuge) sind in Entwicklung und auch bei dem derzeitigen Lebenswandel des Menschen allgemein ein wichtiger Trend, um diesem gerecht zu werden. Das wird dann aber nicht mehr nur das Gastgewerbe beeinflussen, sondern die Arbeitswelt, wie wir sie heute kennen, komplett umkrempeln.

 

Es gibt bei euch keinen Gastraum, folglich also auch keinen Kontakt mit dem Gast. Provokant gefragt: Versteht ihr euch als Gastgeber*innen im Sinne eines Gastronomen?

Tommy: Ein ganz klares ja! In der Gastronomie dreht sich alles um positive Kundenerlebnisse – sei es mit oder ohne Gastraum. In unserem Fall bedeutet das die Customer Experience vermehrt entlang der digitalen Touchpoints zu optimieren. Trotz der Herausforderung des fehlenden persönlichen Kontakts wollen wir durch Transparenz, Serviceorientierung und lokale Nähe diese Lücke zum Kunden schließen. Unser Ziel ist es, ein Restauranterlebnis an einem Ort deiner Wahl, bspw. in den eigenen vier Wänden oder am Arbeitsplatz zu ermöglichen. Wer sich zu Hause von einem Mietkoch verwöhnen lässt, spricht schließlich auch von einem gastronomischen Erlebnis, oder?

 

Das Kundenerlebnis und die Berührungspunkte mit euren Marken beschränken sich auf wenige Punkte: das Logo, die Lieferanten, das Verpackungsdesign, das Essen. Warum sollte ich bei euch bestellen – was macht ihr besser?

Tommy: Unser klarer Fokus liegt auf der Produktqualität unter besonderer Berücksichtigung der Lieferbedingungen. Wir richten all unsere Prozesse explizit auf das Außerhaus-Geschäft aus und bieten dem Kunden somit ein durchdachtes und reibungsloses delivery-only-Erlebnis.

Sobald wir das Essen dem Kurier übergeben, haben wir wortwörtlich nicht mehr in der Hand, wie und wann das Essen beim Kunden ankommt. Deshalb achten wir bei der Verpackung darauf, dass die Speisen frisch zubereitet und schön für das Auge sind. Wir haben bereits mit dem Gedanken gespielt eine eigene Lieferflotte aufzubauen, um mehr Einflussmöglichkeiten in diesem Kundenkontaktpunkt zu haben. Jedoch setzen wir nun auf etablierte Player wie Foodora, Deliveroo und Lieferando, um uns voll und ganz auf das Essen zu konzentrieren. Im Grunde ist es doch so, dass klassische Restaurants sich auf ihre Gäste vor Ort konzentrieren und Takeaway primär als Nebenerwerb ansehen. Dadurch kann es bei der Bestellung unvorhersehbar zu längeren Wartezeiten kommen. Hier sehen wir einen Vorteil bei Ghost Restaurants. Außerdem von Vorteil: Ghost Restaurants sind trotz physischer Entfernung nah am Kunden. Wir können zeitnah herausfinden, welche aktuellen Food Trends vor Ort wirklich ankommen, welche Bedürfnisse wir mit unserem Angebot befriedigen. Damit bleiben wir stets anpassungsfähig und offen und für eure Wünsche.

 

Wo seht ihr euch in drei Jahren? Und was kommt eventuell nach Ghost Kitchen – Robot Kitchen vielleicht?

Viola: Unsere Zielsetzung ist schon ganz klar: Wir wollen die erste Anlaufstelle für delivery-only-Speisen in Deutschland sein. Auch eine Expansion in weitere europäische Länder ist angedacht, aber das ist erstmal Zukunftsmusik, genauso wie kochende Roboter und Drohnen, die das Essen blitzschnell liefern. Aber wer weiß, wenn man sich die internationalen Entwicklungen anschaut, geht es wohl irgendwann einmal in diese Richtung (auch wenn wir finden, dass fürs Kochen Herzblut und ein menschlicher Gaumen eigentlich unerlässlich sind).

 

Vielen Dank für diese Einblicke ihr zwei, das war sehr spannend! Wir drücken euch fest die Daumen und hoffen, dass alles so läuft, wie ihr es euch vorstellt. 

 

cookahoop stuttgart

ghost restaurant cookahoop

 

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Valerija Schwarz

Kommunikation & Marketing, gastromatic

Valerija heuerte schon 2015 bei der gastromatic-Crew an und ist heute für Kommunikation, Branding und Content verantwortlich. Ihre vielseitigen Erfahrungen aus dem Bereich Kommunikation - beim Goethe Institut in New York, bei der Branding-Agentur Endmark oder bei ihrem Promotionsprojekt gesammelt - setzt sie jetzt wortgewandt für Beiträge rund um Gastro-Themen am Puls der Zeit ein, wobei ihr Marketing-Wissen, Nachhaltigkeit, Portraits und (trendige bis brisante) Gastrostories besonders am Herzen liegen.

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