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Scheitern in der Gastronomie – Interview: Nina Rümmele über Insolvenz & was andere daraus lernen können


Nina Rümmele hat zusammen mit ihrer Partnerin Ekatharina Bozoukova 2014 „What the Food!“ gegründet – ein Gastro-Konzept, das früh auf gesunde Speisen und #cleaneat setzte. Trotz des großen anfänglichen Erfolgs mussten die jungen Gründerinnen vor einigen Monaten Insolvenz anmelden. Wir haben uns mit Nina auf ein „Failezvous“ getroffen, um ihre Geschichte zu hören. Nina erzählt uns, wie es zum Unternehmensaus kam, woran es aus ihrer Sicht gelegen hat, wie ihre Erfahrungen mit diesem Prozess bislang sind und was sie anderen Gründer/innen mit auf den Weg geben will. Denn: Scheitern ist nach wie vor ein deutsches Unwort. Sie verrät uns, inwiefern auch der Umgang mit einer gescheiterten Unternehmung ein Ausdruck unserer Unternehmerkultur ist und was sie sich für zukünftige Gastronominnen und Gastronomen wünscht.

 

Liebe Nina, vielen Dank, dass du dir Zeit für unsere Fragen nimmst. Erstmal das Wichtigste vorab: Wo steht ihr gerade im Insolvenzprozess und wie geht es dir/euch damit?

Sehr gerne! Das ist gerade keine einfache Frage bzw. ist es nicht so einfach eine  zufriedenstellende Antwort darauf zu geben. Denn generell müsste ich beides mit „ich weiß es nicht“ beantworten. Wir haben nach der Anmeldung der Insolvenz im Oktober 2017 hart gekämpft und versuchen noch heute diese zu umgehen. Das Ziel ist aus der Insolvenz eine Liquidation zu machen. Das entscheidet sich aber in den nächsten Wochen. Sonst sind wir in einer Findungsphase, nehmen andere Projekte an oder schauen uns auf dem Jobmarkt um.

What the Food! war aus unserer Sicht ein tolles Konzept, zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Oder etwa nicht?

Wir waren unserer Meinung nach zur falschen Zeit am richtigen Ort. Genau genommen waren wir zwei Jahre zu früh dran. Wir selbst kommen ja aus der Bürowelt, haben oft 14 Stunden gearbeitet, wie das in einer Stadt wie Frankfurt am Main und bestimmten Branchen eben so üblich ist. Was uns immer fehlte, war eine gesunde und dennoch schnelle Pause, in der sogar Intoleranzen Berücksichtigung finden. Diese Kombination aus schnell, gesund, lecker und vielseitig fanden wir so nicht im Markt. Wir haben diese Lücke erkannt, aber vielleicht zu früh; der Need auf dem Markt war offenbar noch nicht so groß wie von uns angenommen. Daher unser Tipp: Testet den Markt durch Pop-Up Stores, Streetfood Festivals o.ä., wenn ihr einen Trend wittert und vor allem, wenn ihr eine bestimmte Nische besetzen wollt, die langsam im Kommen ist.

Als wir im Sommer 2015 eröffnet haben, mussten wir vielen Menschen noch erklären, wie man Quinoa buchstabiert und ausspricht. Wir mussten einiges an Aufklärungsarbeit leisten und im Zuge dessen gingen uns irgendwann die Luft und das Geld aus. Der deutsche Markt ist heute schon einen großen Schritt weiter und wir sind froh zu sehen, dass andere vergleichbare Konzepte den Markt betreten. Wir hoffen, dass sie mehr Erfolg haben als wir!

Was waren die größten Herausforderungen für euch?

Das tägliche operative Geschäft und die Finanzierungsrunden am Ende waren zwei Faktoren, die uns einiges abverlangt haben. Ein Restaurant jeden Tag erfolgreich zu führen und viele Gäste glücklich zu machen, bedeutet unfassbar viel Arbeit. Wir haben größten Respekt vor den Gastronominnen und Gastronomen, die das tagtäglich erfolgreich bewerkstelligen. Zusätzlich hatten wir während unserer letzten Finanzierungsrunde mit einem potentiellen Investor Pech und wurden zwölf Stunden vor dem Notartermin sitzen gelassen. So etwas passiert nun mal, man rechnet trotzdem nicht damit. Zusätzlich mussten wir feststellen, dass sich das, was wir an Zeit, Arbeit und Energie in What the Food! gesteckt haben, einfach nicht ausgezahlt hat.

Wie kam es schlussendlich dazu, dass ihr Insolvenz anmelden musstet?

Da spielen viele Faktoren zusammen. Aber letztendlich mussten wir wegen mangelnder Finanzierung und wenig Gewinn Insolvenz anmelden. Wir wollten außerdem sicherstellen, dass unsere Mitarbeiter/innen für drei Monate abgesichert sind. Dafür mussten wir anmelden. Eine zentrale Fehlentscheidung war, dass wir unseren letzten Laden an einer strategisch ungünstigen Stelle platziert haben; zwar gab es dort viele potenzielle Kunden, eine sehr belebte Lage, doch waren das mehrheitlich Menschen, die nicht unserer Zielgruppe entsprachen. Nach kurzer Zeit mussten wir feststellen, dass das ein Fehltritt war, aber da war es schon zu spät und wir hatten eine Menge Geld in den Laden gesteckt. Kurzum: Gerade die Lage eines Ladens sollte wirklich gründlich durchdacht sein. Das kann einem – selbst mit dem besten Konzept und dem besten Team – das Genick brechen.

Welchen Rat würdest du anderen Unternehmer/innen in der Gastronomie aus deiner heutigen Perspektive geben?

Don‘t do it! Nein, mal im Ernst: Ich würde jedem empfehlen vor der Gründung für ein paar Wochen oder Monate in einer Gastronomie zu arbeiten. Nicht als Aushilfe, sondern so, dass man eng mit dem/der Restaurantleiter/in zusammenarbeitet. Meiner Meinung nach kann man die Gastronomie nur überstehen, wenn nicht nur das Unternehmerherz, sondern das Gastroherz in einem schlägt. Das findet man am Besten in der Praxis heraus.

Gibt es in Deutschland eine „Failure Kultur“? Und was verrät der Umgang mit einer gescheiterten Unternehmung uns über unser Denken, wenn es um Gründungen geht?

Wir haben von Anfang an sehr offen, soweit wir konnten und durften, über das Thema „Insolvenz“ und „Scheitern“ gesprochen. Warum auch verheimlichen? Vor allem von unserem Umfeld, bei Freunden und Familie, waren wir sehr positiv überrascht. Keine Vorwürfe, negativen Kommentare oder enttäuschten Blicke. Wir haben durchweg positives Feedback und Unterstützung an allen Fronten erhalten. Auch jahrelange, gut gepflegte Beziehungen zu Lieferanten haben sich bemerkbar gemacht – wir konnten auf viel Verständnis und Vertrauen bauen.

Anders verhielt es sich natürlich mit unserer Bank – da war es teilweise schockierend mit welchem Ausmaß an fehlender Professionalität und Kurzsichtigkeit wir konfrontiert wurden. In manchen, wenigen Fällen waren wir nur noch Geldspeicher und keine Personen mehr. Manchmal hat man gemerkt, dass Leute denken, wir müssten nun für unser Scheitern „bezahlen“. Dass wir über drei Jahre die Wirtschaft angekurbelt, Arbeitsplätze geschaffen und über 110.000 Gäste glücklich gemacht haben, geriet darüber in Vergessenheit.

Trotzdem waren sehr viele aus unserem Umfeld überrascht, wie offen wir über unser Scheitern sprachen. Wir haben oft erst in Gesprächen und erst nachdem wir so offen waren, Vertrauen von anderen entgegengebracht bekommen und Schicksale erfahren, die wir sonst niemals mitbekommen hätten. Daher gibt es sicher noch einiges in Deutschland zu tun. Wir wollen das ändern und haben ein Buch-Projekt, an dem wir momentan arbeiten. So stay tuned.

Immerhin spricht man jetzt immer offener über das Thema „Scheitern“. Wie erklärst du dir das und den damit einhergehenden, großen Erfolg der „Fuck Up Nights“?

Die Fuck Up Nights finde ich super – wir haben drei davon in Frankfurt mit unserem Essen und Getränken ausgestattet. Das ist echt eine tolle Sache, weil es schon eine globale Bewegung ist; berufliche und unternehmerische Misserfolge werden geteilt, natürlich kritisch aber auch humorvoll reflektiert und die Lerneffekte extrahiert. Da habe ich den Erfolg live miterlebt. Nur muss es davon noch viel mehr geben, damit in den Köpfen der Menschen ankommt, dass man auch über „Failure“, unternehmerisches Scheitern und Insolvenz sprechen muss, denn nur so lernen wir aus eigenen Fehlern und Fehlern anderer! Natürlich ist es schöner für alle Beteiligten, wenn es gut läuft und das sollte auch das Ziel sein; gleichzeitig sollte die Tatsache, dass in Deutschland jährlich etwa 60.000 Unternehmungen nicht funktionieren auch nicht totgeschwiegen und das Thema zum Tabu erklärt werden. Da findet – vielleicht ein wenig inspiriert von den USA – ein Umdenken statt, aber lange noch nicht in allen Bereichen. Wir hoffen, dass wir anderen durch unsere Erfahrungen helfen können, bestimmte Dinge zu vermeiden und erfolgreicher zu sein.

Generell wünschen wir uns, dass es auch in der Gastronomie künftig noch mehr um Netzwerken und das Miteinander als das Gegeneinander geht; man kann sich gegenseitig helfen, voneinander lernen, aber das passiert nicht, solange man sich über den Misserfolg anderer freut und sich für unfehlbar hält. Ein wenig Demut vor dem Business täte vielen gut. Manchmal sind es zwei, drei falsche Entscheidungen, die den Insolvenzstein ins Rollen bringen, so war es zumindest bei uns. 

 

Vielen Dank für das Gespräch, liebe Nina. Wir von gastromatic wünschen euch alles Gute bei allem, was in der Zukunft so ansteht und hoffen, dass unsere Wege sich in beruflicher Hinsicht noch einmal kreuzen.

 

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Valerija Schwarz

Kommunikation & Marketing, gastromatic

Valerija heuerte schon 2015 bei der gastromatic-Crew an und ist heute für Kommunikation, Branding und Content verantwortlich. Ihre vielseitigen Erfahrungen aus dem Bereich Kommunikation - beim Goethe Institut in New York, bei der Branding-Agentur Endmark oder bei ihrem Promotionsprojekt gesammelt - setzt sie jetzt wortgewandt für Beiträge rund um Gastro-Themen am Puls der Zeit ein, wobei ihr Marketing-Wissen, Portraits und (trendige bis brisante) Gastrostories besonders am Herzen liegen.

  1. Th.Kaimer

    Aus dem Text : Meiner Meinung nach kann man die Gastronomie nur überstehen, wenn nicht nur das Unternehmerherz, sondern das Gastroherz in einem schlägt. Das findet man am Besten in der Praxis heraus.

    Liebe Leute,
    das ist das beste was ich seit langem gelesen habe. Ich bedanke mich für diese Aussage. Ich arbeite seit 1987 in der Gastronomie und jetzt Hotellerie und habe schon so viele kommen und gehen gesehen, doch jedesmal denke ich mir, das weiß man doch vorher 😉
    Aber das Gastroherz hat man halt oder hat es nicht.
    Dir Nina wünsche ich alles gute, es wird alles wieder gut , das weiß ich.
    Vielen Dank für Deine ehrlichen Wort.
    Th. Kaimer

    1. Valerija Schwarz

      Das sehen wir genauso, danke für diesen bejahenden Kommentar. 🙂

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