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Arbeitszeitgesetz (ArbZG) im Gastgewerbe - Zeit für eine Reform?

In der Gastronomie und Hotellerie birgt das Arbeitszeitgesetz in seiner aktuellen Form manchmal Probleme. Dabei soll eine gedeckelte Arbeitszeit pro Tag eigentlich Mitarbeiter/innen entlasten und ihren Arbeitsalltag verbessern. Wer maximal acht (bzw. in Ausnahmefällen zehn) Stunden täglich arbeitet, schützt damit seine Gesundheit, daher wird das Arbeitszeitgesetz auch „Arbeitszeitschutzgesetz“ genannt. Durch die Dokumentationspflicht wird geprüft, ob diese Vorgaben seitens des Arbeitgebers wirklich eingehalten werden. Das Überschreiten der zulässigen Höchstarbeitszeit ist eine Ordnungswidrigkeit und wird dementsprechend geahndet. Doch wie flexibel ist dieses Gesetz in der Praxis für das Gastgewerbe? Wir haben mit unserer Kundin Gabi Dreisbach vom „BEST Hotel ZELLER gesprochen und sie ist sich sicher: eine flexiblere Lösung muss her!
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Frau Dreisbach, Sie setzen sich für eine Reform im Arbeitszeitgesetz ein. Wie sieht die aktuelle Gesetzeslage aus?

Momentan ist es so: Arbeitnehmer dürfen acht Stunden am Tag arbeiten und können auf zehn Stunden verlängern, wenn innerhalb von sechs Kalendermonaten ein Durchschnitt von acht Stunden nicht überschritten wird. Zudem müssen Mitarbeiter spätestens nach sechs Stunden eine Pause machen, mindestens 30 Minuten. Außerdem sind gewisse Ruhezeiten einzuhalten: Nach einer täglichen Arbeitszeit müssen Arbeitnehmer mindestens elf Stunden ihre Arbeit ruhen lassen, in Ausnahmefällen zehn Stunden, wenn diese Überschreitung innerhalb von vier Wochen durch Verlängerung einer anderen Ruhezeit auf zwölf Stunden ausgeglichen wird.

Und wie gut oder schlecht ist dieses Gesetz an die Herausforderungen im Gastgewerbe angepasst?

Oft gestaltet es sich sehr schwierig für uns, das einzuhalten. Nicht, weil wir nicht wollen, sondern weil bestimmte Situationen im Tagesgeschäft uns als Betrieb an den Rand der Legalität drängen.

Manchmal wird ein Arbeitseinsatz unerwarteter Weise in die Länge gezogen, weil es Gäste von uns verlangen bzw. die Situation es erfordert: Geburtstagsgäste, die länger sitzen bleiben als vereinbart, Reisegruppen, die im Stau standen, deshalb später anreisen und gerne nach der langen Fahrt noch etwas essen möchte etc.! Zeigt man sich hier nicht „gastfreundlich“, kommen diese Kunden womöglich nicht wieder, was dem gesamten Betrieb und damit zwangsläufig unseren Arbeitnehmern schaden würde. Geht man den Wünschen nach, muss man im schlimmsten Fall mit einem Bußgeld rechnen.

Wir möchten nicht, dass Menschen mehr arbeiten, als sie dürfen, aber es macht weder für uns noch für Mitarbeiter Sinn, jemanden für eine zwei-Stunden-Schicht kurzfristig in den Betrieb kommen zu lassen. Aber nicht nur diese alltäglichen Situationen machen es uns schwer, auch wollen viele unserer Mitarbeiter einfach die Freiheit haben, ihre Stunden flexibler zu verteilen, an einem Tag also zwölf und an dem anderen Tag acht Stunden zu arbeiten. Das schließt die aktuelle Gesetzeslage aus. Und das betrifft nicht nur die Gastronomie und Hotellerie: Wir haben uns in den letzten Wochen mit vielen Menschen unterhalten – da waren auch diverse Vertreter anderer Branchen dabei wie z.B. Montagefirmen, Logistiker, Messeveranstalter usw. Dort wird zum Teil bereits zwölf Stunden am Tag gearbeitet, weil es oft nicht anders geht, weil der Auftraggeber auf die Inbetriebnahme einer Maschine wartet. Diese Firmen bewegen sich ebenfalls in einer rechtlichen Grauzone.

Was für Probleme gehen sonst noch mit dem geltenden Arbeitszeitgesetz für Sie und Ihre Mitarbeiter einher?

Wie eben bereits anklang, warten auf uns und unsere Mitarbeiter leider einige Stolpersteine. Die Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten sehr verändert, dies wirkt sich auch auf das Arbeitszeitgesetz aus. Menschen planen häufig nicht mehr so weit im voraus, Urlaube werden kurzfristiger gebucht, nach Wetterlage, Verkehrslage usw. Das bedeutet für die Betriebe, dass Dienstpläne z.B. nicht mehr 3-4 Wochen vorher geschrieben werden können, da sich zwischenzeitlich zu viel ändern würde. Man muss auf Gegebenheiten und Gästewünsche viel flexibler reagieren können. Jede Art von Betrieb hat seine eigenen Schwierigkeiten, beispielsweise kann es vorkommen, dass bei Geschäftshotels durch Streik mehr Hotelzimmer als geplant nicht belegt sind, da Gäste nicht reisen können. Biergarten- und Ausflugsgastronomie ist vom Wetter abhängig; wird dieses unerwartet wieder schön, braucht man mehr Mitarbeiter.
Und dann gibt es Menschen, die zwar bereits einen Hauptjob haben, in dem sie acht Stunden täglich arbeiten, aber dennoch gerne bei uns auf 450,00 Euro Basis arbeiten möchten. Sie können aber nicht bei uns arbeiten, weil sie schon nach zwei Stunden die Tageshöchstarbeitszeit von zehn Stunden erreichen würden. Und für zwei Stunden kommt niemand zum Arbeiten als Aushilfe. Das rentiert sich einfach nicht. Das Arbeitszeitgesetz muss hier an die Gesellschaft angepasst werden.

Wie würde eine zufriedenstellende Lösung für alle aussehen?

Ideal wäre ein flexibles Arbeitszeitgesetz von maximal 48 Wochenarbeitsstunden, also ein festes Stundenkontingent pro Woche, das relativ flexibel auf die einzelnen Wochentage verteilt werden könnte.

Dank einer solchen Wochenarbeitszeit könnten Mitarbeiter bis zu 12 Stunden täglich arbeiten, beispielsweise 4 Tage á 12 Stunden, dafür 3 Tage frei. In unserem Betrieb sind Menschen, die im benachbarten Ausland ihren Hauptwohnsitz haben, Wohnungen, Häuser, ihre Familien. Diesen Mitarbeitern wäre es lieber, wenn sie 4 Tage á 12 Stunden arbeiten könnten, um dann drei oder eben mehrere Tage nach Hause zu fahren, damit sich die Strecke von 400-600 km auch lohnt. Doch auch andere wollen lieber mehr ganze Tage frei haben, um den Akku über mehrere Tage wieder aufzuladen.

Wochenarbeitszeit würde ja nicht bedeuten, dass jede/r zwölf Stunden arbeiten muss, sondern immer noch die Wahl hat, wie er oder sie seine Stunden verteilt.

Welche Verbesserungen erwarten Sie?

Dass die Politik diesbezüglich ein offenes Ohr hat – für uns im Gastgewerbe, aber eben auch für viele andere Branchen. Dieses Gesetz muss dringend an den jetzigen Lebensbedingungen und eine moderne Gesellschaft mit ihren Herausforderungen angepasst werden. Die Menschen selbst sehen auch nur Vorteile beim flexiblen Arbeitszeitgesetz, denn es gibt ihnen mehr Freiheit ihre Lebensplanung freier zu gestalten. Langfristig wird sich das aus meiner Sicht auch auf das Image der Branche auswirken, Gastronomie und Hotellerie werden wieder attraktiver. Das ist eine Stellschraube, um dem oft beklagen Fachkräftemangel Einhalt zu gebieten.

Was können andere Gastronomen und Hoteliers tun, um das Ziel einer Gesetzesänderung zu unterstützen?

Wir vom DEHOGA Bundesverband haben zusammen mit dem vbw (Vereinigung der bayerischen Wirtschaft e.V.) schon im Mai die Kampagne zur "Wochenarbeitszeit" gestartet, um für dieses flexible Arbeitszeitgesetz zu werben. Gespräche mit den Mitarbeitern und Gästen haben ebenfalls eine positive Wirkung gebracht. Ich hoffe, dass sich noch viele meiner Kolleginnen und Kollegen daran beteiligen werden, vor allem mit den Menschen reden und die Situation erklären, in der regionalen und auch überregionalen Presse Statements abgeben, auf Facebook dafür werben und vieles mehr. Dafür wird auf der Kampagnen-Page sogar eine Materialsammlung mit Plakaten, Flyern, Facebook-Bildern zum Posten, Websiten-Panner etc. zur Verfügung gestellt. Einfach mal reinschauen! Nur so können wir gemeinsam in die richtige Richtung gehen und uns Gehör verschaffen bzw. für das Thema sensibilisieren.
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Vielen Dank für das spannende Gespräch, Frau Dreisbach. Wir würden uns freuen, wenn möglichst viele unserer Kunden, Leser & Follower aus der Gastronomie und Hotellerie den Blogbeitrag teilen würden, um eine breite Masse - insbesondere aber die Arbeitnehmer, die das Ganze am meisten betrifft - in diese Diskussion zu involvieren sowie auf das Thema und das Engagement in diesem Bereich aufmerksam zu machen! Was außer Frage steht: Eine derartige Gesetzesänderung kann nur gut gehen, wenn Arbeitgeber ihren Mitarbeiter/innen diese Flexibilität auch wirklich zugestehen und das nicht darin mündet, dass Menschen regulär über ihrem Limit arbeiten. Das wäre schlecht für die gesamte Branche.

Immerhin tut sich schon etwas in der Politik: Das Bundesarbeitsministerium hat im November 2016 angekündigt, die Regelungen des Gesetzes flexibler zu gestalten, dies gilt aber zunächst nur für tarifgebundene Beschäftigung. Einen konkreten Gesetzesentwurf dazu gibt es derzeit noch nicht. Daher ist es höchste Zeit, sich über die Folgen einer solchen Gesetzesänderung auszutauschen, möglichst viele Perspektiven zu berücksichtigen und sich dann gemeinsam mit einer für alle verträglichen Lösung für ein umfassenderes Gesetz stark zu machen.

Hinweis: Hierbei handelt es sich um unverbindliche Informationen. Der Autor übernimmt keinerlei Gewähr für die Aktualität, Korrektheit, Vollständigkeit oder Qualität der bereitgestellten Informationen, welche auch keine individuelle Rechtsberatung darstellen.

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Frankfurt am Main