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Altersvorsorge: Experten-Interview zur betrieblichen Altersversorgung


Schon in unserem letzten Blogbeitrag rund um die Basics zur betrieblichen Altersversorgung ist klar geworden: Altersvorsorge wird aufgrund des demografischen Wandels zu einer immer wichtigeren Frage für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Für Angestellte ist die betriebliche Altersversorgung oft eine essenzielle Säule der Altersvorsorge, weshalb sie auf dem viel umkämpften Markt um Fachkräfte zu einem zentralen Alleinstellungsmerkmal werden kann. Das BetrAVG regelt die Grundsätze der betrieblichen Altersversorgung, jedoch sind die Arbeitgeber bei der Ausgestaltung weitgehend auf sich allein gestellt. Allein die Auswahl des bestmöglichen Durchführungswegs ist schon eine ernstzunehmende Herausforderung. Betrachtet man zudem die Haftungsrisiken, empfehlen wir Arbeitgebern, sich von einem Spezialisten beraten lassen und eine eigene Versorgungsordnung aufsetzen. Wir haben uns mit Peter Lehmann, unserem Experten vom gastromatic- Rechenzentrum, zusammengesetzt und ihn mit Fragen gelöchert, deren Antworten euch eine erste Orientierungshilfe sind.

 

In unserem letzten Blogbeitrag haben wir uns mit der betrieblichen Altersversorgung befasst. Ist dies mit der Altersvorsorge gleichzustellen?

Peter Lehmann: Nein, die Altersvorsorge ist im Grunde genommen der Überbegriff. Neben der gesetzlichen Rente gibt es eben noch die Möglichkeit, mit der betrieblichen Altersversorgung seine Rente aufzubessern. Dazu kann man auch noch privat vorsorgen.

 

Wir haben in unserem letzten Blogbeitrag die verschiedenen Durchführungswege präsentiert. Doch was ist der häufigste Durchführungsweg?

Peter Lehmann: Eindeutig die Direktversicherung.

 

Ist das auch der attraktivste Weg für den Arbeitgeber?

Peter Lehmann: Ob das für den Arbeitgeber der attraktivste Weg ist, möchte man anzweifeln. Es ist jedenfalls der Weg des geringsten Aufwands, wenn man die betriebliche Altersversorgung als Belastung ansieht. Das Problem kann man möglicherweise darin sehen, dass in den Köpfen der Unternehmer und Mitarbeiter die betriebliche Altersversorgung mit einer Direktversicherung assoziiert wird, weil kaum jemand diese Dinge als Chance begreift und zudem kaum jemand bereit ist, sich damit konkret auseinander zu setzen. Ein weiteres Problem kann sich ergeben, wenn Versicherer kein Interesse daran haben andere Möglichkeiten aufzuzeigen, weil dann keine Provisionen bezahlt werden. Daher ist fraglich, inwiefern ein Versicherungsvertreter den Unternehmer objektiv beraten kann und möchte. Einer der wichtigsten Aspekte ist daher das Aufstellen einer Versorgungsordnung, um Haftungsrisiken so gut es geht zu minimieren.

 

Was genau ist eine Versorgungsordnung?

Peter Lehmann: Als arbeitsrechtliche Vereinbarung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber zur Regelung der betrieblichen Altersversorgung ist die Versorgungsordnung ein unternehmeninternes Regelwerk, mit dem man unter anderem die Ausgestaltung, die Bedingungen und Rahmenbedingungen der Altersversorgung festlegt.

 

Für wen ist eine Versorgungsordnung denn relevant?

Peter Lehmann: Grundsätzlich für jedes Unternehmen, das eine betriebliche Altersversorgung gewährt oder gewähren will. Bei kleinen Betrieben reicht sicherlich ein Standardwerk, während größere Betriebe (>70 Mitarbeiter) sich eine maßgeschneiderte Versorgungsordnung einmalig anfertigen lassen sollten.

Ein Tipp hierzu ist, mit Rechtsanwälten zusammenzuarbeiten, die letztlich auch als Haftungspartner wichtig werden könnten. Leider ist aber auch hier die Bereitschaft der Unternehmer dafür ein paar Euro in die Hand zu nehmen sehr gering und damit ignorieren sie die Haftungsrisiken. Der Kern ist immer wieder, dass die Unternehmen einfach nicht verstehen, dass es sich um eine Rentenzusage vom Betrieb an den Arbeitnehmer handelt. Diese Unbekümmertheit wird manches Unternehmen noch einholen. Je geringer die gesetzliche Rente, desto mehr Bedeutung kommt der betrieblichen Altersversorgung zu. Hier wird in der Zukunft mit einigen Klagen durch die Arbeitnehmer zu rechnen sein, spätestens wenn dies einmal in den Fokus der Öffentlichkeit gerät, was früher oder später der Fall sein dürfte.

Was sollte man noch beachten?

Peter Lehmann: Zu der Abwägung der Haftungsrisiken gehört auch die Gesellschaft zu prüfen, mit der ich ggf. zusammenarbeite. Handelt es sich um eine Gesellschaft, die nach deutschem Recht arbeitet, greift auch die deutsche Insolvenzsicherung. Bei ausländischen Gesellschaften, z.B. nach britischem Recht, tauchen Zusatzrisiken im Insolvenzfall auf, da die britische Insolvenzsicherung im Fall des Falles nur eine Einmalzahlung leistet, die der Begünstigte bei Zufluss voll zu versteuern hat. Hierdurch könnte die Rentenzusage erheblich geschmälert werden, was den Unternehmer wieder in die Haftung bringt.

 

Was ist nun Ihr Experten-Fazit? 

Peter Lehmann: Auch nach der Neuregelung ist das gesamte Konstrukt der betrieblichen Altersversorgung nach wie vor viel zu kompliziert und kann von vielen nicht wirklich durchblickt werden. Der Widersinn dabei ist aber, dass gerade die unteren Einkommensschichten später über die Maßen auf eine betriebliche Altersversorgung angewiesen sein werden. Gerade diese Schichten weisen aber häufig ein entsprechendes niedriges Bildungsniveau auf und verstehen somit die Vorschriften und Möglichkeiten nicht. Es mangelt an objektiver Beratung, da die Versicherungsvertreter als objektive Berater in aller Regel nicht in Frage kommen. Die 57%, die eine betriebliche Altersversorgung besitzen, rekrutieren sich überwiegend aus den mittleren und gehobenen Einkommensschichten, denn sie haben ein entsprechendes Hintergrundwissen oder können sich geeignete Berater leisten. Zudem ist es zumindest zynisch einem Arbeitnehmer, der auf jeden Cent seines Entgelts angewiesen ist und oftmals nicht genug Geld hat, um einen richtigen Urlaub zu machen, eine betriebliche Altersversorgung aufhalsen zu wollen. Das kann er sich gar nicht leisten.

Aber auch als Chance sollte man die betriebliche Altersversorgung nicht unterbewerten. Gerade in Zeiten, in denen sich die Beschaffung von Personal als zunehmend schwierig erweist, kann eine betriebliche Altersversorgung ein wichtiges und bezahlbares Bindungs- oder Lockmittel darstellen, wenn den persönlichen Umständen des Arbeitnehmers dabei Rechnung getragen wird.

 

Hinweis: Hierbei handelt es sich um unverbindliche Informationen. Der Autor übernimmt keinerlei Gewähr für die Aktualität, Korrektheit, Vollständigkeit oder Qualität der bereitgestellten Informationen, welche auch keine individuelle Rechtsberatung darstellen.

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Anna Rosón Eichelmann

Syndikusrechtsanwältin, gastromatic

Anna ist passionierte Syndikusrechtsanwältin und Gastro-Trend-Spotterin. Neben Reisen und diversen Auslandsaufenthalten zeichnet sie die Liebe zur Gastronomie aus, was nicht zuletzt mit ihrer spanischen Herkunft zusammenhängt. Aktuell absolviert sie den theoretischen Teil des Fachanwaltslehrgangs im Arbeitsrecht. Zu ihren Praxisstationen zählen der Lehrstuhl für Arbeitsrecht an der Goethe-Uni in Frankfurt, die HR-Abteilung einer Bank, die Außenhandelskammer für Deutschland in Spanien sowie die Litigation-Abteilung bei Allen & Overy, einer britischen Großkanzlei. Seit 2016 schreibt Anna für gastromatic Beiträge zum Thema Arbeitsrecht und bereichert den Blog um juristisches Personalwissen.

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